Zwischen dem fünften und siebten Lebensjahr durchleben unsere Kinder eine besonders intensive Phase in ihrer Entwicklung, die als „6-Jahres-Krise“, „Vorschulpubertät“ oder auch als „Wackelzahnpubertät“ bezeichnet wird. Es ist eine Zeit, in der die Kinder sowohl körperlich als auch geistig noch einmal einen großen Sprung machen: Sie verwandeln sich vom Kindergartenkind in ein Schulkind. Für uns Eltern teilweise deutlich spürbar, geraten die Kinder dabei emotional ziemlich aus dem Gleichgewicht.

Woran du diese Phase erkennst, was zu dieser Zeit in Körper und Seele deines Kindes los ist und was du tun kannst, um dein Kind dabei am besten zu begleiten und zu unterstützen, erkläre ich in diesem Beitrag.

Ist das wirklich mein Kind?

„Wackeln die Zähne, wackelt die Seele“* – Über diesen Satz stolperte ich, als ich versuchte herauszufinden, was mit unserem 5,5jährigen Kind auf einmal los war. Aus meiner Sicht kann man diese Umbruchphase im Vorschulalter nicht besser beschreiben.

Es machte sich bei uns eher schleichend bemerkbar. Morgens war die Stimmung plötzlich total schlecht, obwohl unser Kind sonst ein absoluter Morgenmensch ist. Der Kindergarten ist langweilig, der Kindergarten ist doof, nein, ich will nichts zum Frühstück, nein, das ziehe ich nicht an, nein, ich brauche keine Jacke. Nein war das neue Lieblingswort.

Am Esstisch wurde plötzlich nur noch rumgezappelt, was früher oder später dazu führte, dass irgendetwas umgekippt wurde. Daraufhin geriet mein Wackelzahn derart aus der Fassung und brüllte und wütete, dass ich mich zwischendurch fragte, ob das wirklich mein eher ausgeglichenes Kind war.

Als nächstes wurden die Nachmittage für alle Beteiligten anstrengend. Nach dem Abholen schlug die Stimmung von einer Sekunde auf die andere um. Nichts war mehr gut, richtig oder schön, alles falsch, blöd oder langweilig. Alle anderen Kinder waren schneller, besser, konnten höher schaukeln oder schöner malen. Das Kind, dass sich bisher stundenlang alleine beschäftigen konnte, klebte an mir wie eine Klette.

Abends war das Bedürfnis nach Nähe zwar riesengroß, zeitgleich wollte sie alles alleine machen „weil ich ja jetzt bald in die Schule komme“. Man merkte ihr deutlich an, dass sie emotional zwischen allen Stühlen sass. Sie kannte sich selbst nicht mehr, was sie deutlich unter Stress setzte. „Heute kann ich mich selbst überhaupt nicht leiden!“ Dieser Satz fiel nicht nur einmal in unserem Haus.

Alles im Umbruch – die Signale

Nicht nur mir, sondern auch anderen Eltern geht es so, dass sie ihre Kinder plötzlich kaum mehr wiedererkennen. Das bisherige Verhalten kann sich stark verändern. Kinder, die bisher Grenzen akzeptierten, testen diese jetzt ausgiebigst. Kinder, die bisher grundsätzlich fröhlich und ausgeglichen waren, sind jetzt innerlich zerissen und schlecht gelaunt.

Bitte denkt daran: Jeder hat mal einen schlechten Tag. Bei den aufgezählten Verhaltensweisen meine ich nicht die Momente im Familienleben, die einfach nicht rund laufen, aus welchen Gründen auch immer. Wir reden hier über Phasen, die sich über Wochen oder auch Monate hinziehen.

Die Signale, die von Eltern aus der Zeit der „6-Jahres-Krise“ am häufigsten aufgezählt wurden, sind:

  • plötzliche Wutanfälle, Weinkrämpfe oder Aggression
  • starke Stimmungsschwankungen in kurzen Abständen
  • Ängste und Alpträume
  • Frust, weil das Kind nicht ausdrücken kann, wie es sich fühlt
  • allgemeine Unzufriedenheit (es passt gar nichts mehr)
  • Klage über Langeweile
  • Meinungsänderung im Minutentakt.
  • Kein Zur-Ruhe-Kommen, Körper ist ständig in Bewegung
  • großer Wunsch nach Nähe, zeitgleich aber nach Selbständigkeit
  • alleine einschlafen nicht möglich, obwohl es bisher kein Problem war

Komplett aus der Balance – körperlich und mental

Auch wenn sich die Verhaltensweisen ähneln, die Vorschulpubertät und die Pubertät haben nur dem Namen nach etwas miteinander zu tun. Während bei den Jugendlichen die Hormone verrücktspielen, sind es bei den Fünf- bis Siebenjährigen die Veränderungen im Innen und Außen, die ihnen zu schaffen machen.

Im Wackelzahnalter wächst der Körper noch einmal in großen Schüben. Das führt dazu, dass sich die Kinder in relativ kurzer Zeit an ein stark verändertes Körpergefühl gewöhnen müssen.

Habt ihr euch schon mal gefragt, warum euer Kind, das bisher stundenlang in aller Ruhe Bücher angeschaut, Musik gehört oder gemalt hat, plötzlich ganz zappelig ist und nicht mehr am Tisch sitzen kann?

Der Körper ändert ständig seine Proportionen. Dadurch verschiebt sich die Körpermitte immer wieder. Die Kinder müssen ihren Körper nochmal völlig neu kennenlernen, ihn ausprobieren, testen. Das geht natürlich nur in Bewegung. Wenn ihr also in letzter Zeit öfter dachtet, euer Kind ist unausgeglichen, dann ist das nicht nur emotional, sondern auch körperlich richtig.

Dazu kommt, dass die Kinder von uns Erwachsenen ständig hören: „Du bist doch jetzt groß.“ oder „Bald kommst du in die Schule.“ Kinder in diesem Alter können solche Sätze in ihrer Bedeutung noch nicht erfassen. Sie verstehen, dass sich etwas ändern wird, können aber überhaupt nicht einschätzen, was auf sie zukommt. Das kann Ängste oder zumindest Stress auslösen.

Die Kinder verspüren zusätzlich eine Art Kontrollverlust, der durch uns Erwachsene unter anderem dadurch verstärkt wird, dass wir zum Beispiel darauf hinweisen, wie der Alltag in der Schule unserer Meinung nach ablaufen wird: „In der Schule muss man stillsitzen, für Spielen ist da keine Zeit mehr.“

Vorschüler sind oft noch nicht in der Lage ihre Gefühle zu erkennen und zu benennen. Und sie lernen erst, wie man mit Gefühlen umgehen kann. Dass da manchmal die Nerven blank liegen, weil sie gar nicht verstehen (können), was mit ihnen gerade los ist, ist sicherlich nachvollziehbar. Und dass sich dieser ganze angestaute Frust des Nichtausdrückenkönnens und des Nichtverstehens gelegentlich in Wutanfällen entlädt, ist zwar sehr anstrengend für alle Beteiligten, aber wohl eine logische Konsequenz.

Tipps, die euren Familienalltag entspannen

Die Phase der Wackelzahnpubertät ist anstrengend, für das Kind, aber auch für uns Eltern. Um diesen Stress, der innerhalb der Familie entsteht, etwas abzumildern, habe ich euch hier meine Tipps zur Entspannung des Familienalltags aufgeschrieben:

  • Nimm die Ausraster deines Kindes nicht persönlich
    Dein Kind möchte dich nicht ärgern, es weiss momentan selbst nicht wohin mit sich. Es muss irgendwo den ganzen Frust rauslassen und es spricht definitiv für dich, wenn es das nur zuhause macht. Denn das bedeutet, dass euer Zuhause der Ort ist, an dem sich dein Kind sicher fühlt. Wenn du auch noch wütend wirst, hilft das weder deinem Kind noch dir. Ruhig bleiben wird nicht immer gelingen, aber je öfter wir es versuchen, desto besser klappt es.

  • Höre deinem Kind zu (und gib ihm keine Ratschläge!)
    Das ist für mich persönlich einer der schwierigsten Punkte, weil ich jemand bin, der anderen gerne hilft. Und ich tue mich auch schwer damit, andere Menschen (besonders meine eigenen Kinder) leiden zu sehen. Leider ist dein Kind in diesem Momenten überhaupt nicht in der Lage Argumente aufzunehmen, geschweigedenn sie zu verarbeiten. Wenn es darüber sprechen möchte, lass es sprechen. Frage nach, signalisiere, dass du dich für dein Kind und seine Sorgen und Nöte interessierst.

  • Schafft gemeinsam Rituale
    In Zeiten von Unsicherheit fühlen wir Menschen (klein und groß) uns geborgen, wenn es verlässliche Abläufe in unserem Leben gibt. Überlegt euch gemeinsam etwas, was ihr gerne macht. Abends vorlesen, Musik hören, malen, basteln, Kinderyoga. Was es auch ist, macht es! Nehmt euch die Zeit. Ihr werdet alle davon profitieren, denn es vermittelt Sicherheit und bringt Ruhe in euren Alltag. Wir haben angefangen und abends gemeinsam zu überlegen, wie der Tag war. Jeder nennt die drei tollsten Dinge und wie er sich insgesamt fühlt. Wir tragen alles in ein kleines Notizbuch ein, damit wir auch zurückschauen können. Seit wir das regelmäßig machen, kann unser Wackelzahn seine Gefühle besser einordnen und der Frust hat sich deutlich gemindert.

  • Sprecht über Gefühle, benennt sie und überlegt gemeinsam Wege, mit ihnen umzugehen
    Nur wer seine Gefühle erkennt, kann lernen, mit ihnen umzugehen. Für einen Vorschüler ist dies eine der größten Herausforderungen. Dazu braucht er in aller Regel auch etwas Unterstützung von uns Erwachsenen. Bücher können hier wertvolle Hilfestellung geben. Ein paar habe ich in diesem Blogartikel aufgeschrieben. Die beste Methode mit Gefühlen umzugehen, solltet ihr gemeinsam festlegen. Manchen Kindern helfen Atemübungen, andere brauchen eher Bewegung, wieder andere toben sich gerne kreativ aus. Überlegt euch zusammen den für euch richtigen Weg.

  • Lass dein Kind helfen
    Vorschüler sind so neugierig und wollen alles lernen! Sie interessieren sich für Kochen, Reparieren oder Gartenarbeit. Übertrage deinem Kind Aufgaben, die es schon meistern kann. Zeige ihm zum Beispiel, wie man sein Lieblingsgericht kocht. Lasse deinen Wackelzahn so viel wie möglich selbst machen. Das stärkt das Selbstbewusstsein deines Kindes immens und lenkt auch vom Chaos im Kopf ab, weil es sich auf diese neuen Aufgaben konzentrieren muss.

  • Bewegt euch
    Bewegung ist grundsätzlich sehr wichtig für Geist und Körper, auch bei uns Erwachsenen. Für Kinder im Wackelzahnalter ist Bewegung nicht nur wichtig, sondern zwingend notwendig: Als Ausgleich, als Möglichkeit Frust abzubauen und eben auch das neue Körpergefühl zu erspüren und zu erforschen. Wenn ihr euch draußen bewegt, kommt die Natur als beruhigender Faktor noch hinzu.

Zum Weiterlesen

Mich als Mama hat es auch beruhigt, dass es offensichtlich in anderen Familien ähnliche Momente gibt. Falls ihr noch mehr zum Thema lesen wollt, empfehle ich euch:

Es gibt noch viele andere gute Blogartikel oder Podcasts zur Wackelzahnpubertät, diese drei haben mich einfach am meisten angesprochen. 🙂

Und falls du jetzt noch Ideen suchst, wie du deinem Kind zusätzlich helfen kannst, Stress abzubauen, dann schau doch mal hier.

*Es ist der Titel eines Buches der Waldorfpädagogin Monika Kiel-Hinrichsen, das sie zusammen mit der der Zahnärztin Renate Kviske geschrieben hat. Es ist ein Ratgeber für Eltern und Erziehende, der diese Entwicklungsphase mit praktischen Tipps und Hilfestellungen begleitet.
(gesamte Werbung in diesem Artikel unbeauftragt)

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